Mulm ist die Mischung aus sich
zersetzender organischer Substanz (Pflanzeteile Futtereste etc.), Kot
von Fischen und Wirbellosen, Bakterien, Pilzen, Huminstoffen und feinen
Mineralien. Er sammelt sich mit der Zeit im Aquarium an durchsetzt das
Substrat. Die Huminkomplexe im Mulm binden Nährstoffe und wirken
als Chelator für Schwermetalle wie Kupfer. 1 ml Mulm kann etwa
0,006 bis 0,008 mg Kupfer binden (siehe Newsletter Nr. 34).
Mikroorganismen zersetzen den Mulm und Mineralien (Calcium, Magnesium,
Kalium etc.) werden daraus frei. Pflanzen profitieren von davon, denn
sie können diese Nährstoffe erst nutzen, wenn sie frei
gesetzt werden. Mulm mit einem hohen organischen Anteil ist "lebendig".
Es sind viele Mikroorganismen mit der Zersetzung des Materials
beschäftigt. Sie sind alle auf Sauerstoff angewiesen und
Bestandteil einer gesunden Flora im Aquarium. Im Normalfall stellt sich
nach der Einlaufphase eine Gleichgewicht ein, bei dem die Mulmmenge im
Aquarium im Großen und Ganzen immer etwa gleich bleibt.
Tritt ein Mangel an Sauerstoff auf, kommt es dagegen zu Gärung und
Fäulnis. Anaerobe Bakterien zerlegen das organische Material und
setzen dabei Methan und Schwefelwasserstoff frei. Der Boden gammelt und
stinkt. Ursache dafür ist meist eine verdichtung des Substrats,
dass zu einer Reduktion der Wasserzirkulation führt.
Mikroorganismen im Boden und Filter
Betrachtet man Mulm und Filterschlamm unter dem Mikroskop, wird man
erstaunt sein, was dort alles lebt. Es gibt winzige Schnecken,
Würmer, Nematoden, Amöben, Pilze und Bakterien. Einige sind
autotroph und können sich mit Hilfe von anorganischen Stoffen (CO2,
SO2, NO2 etc.) versorgen. Andere sind heterotroph
und benötigen organisches Material (Cellulose, Zucker,
Eiweiße, EDTA etc.). Sie alle zerkleiner und zerlegen organsiche
Substanzen im Aquarium und bilden Abbauketten.
Die bekannteste Abbaukette ist die Umwandlung von Ammonium in Nitrat
durch Nitrifikation. Die bekanntesten Nitrifizierer sind Nitrosomonas europea und Nitrobacter winogradskyi. Das erste
Bakterium nutzt Ammonium zur Energiegewinnung und scheidet Nitrit aus.
Das zweite nutzt Nitrit und scheidet Nitrat aus. Diese beiden
autotrophen Bakterien sind im Süßwasser weit verbreitet. In
einem neu eingerichteten Aquarium gibt es zunächst wenige dieser
Bakterien. Sobald aber Ammonium als Nahrungsquelle zur Verfügung
steht vermehren sich Nitrosomonas.
Sie produzieren viel Nitrit, aber die Population an Nitrobacter ist noch zu klein, um
das Nitrit vollständig zu nutzen und in Nitrat umzu wandeln. Darum
gibt es in der Einlaufphase des Aquariums einen "Nitritpeak". Erst wenn
sich ausreichend Nitrobacter neben den Nitrosomonas auf dem
Filterschwamm oder einer Mulmflocke angesiedelt haben um ihre
Ausscheidungen sofort aufzunehmen, wird Nitrit sofort zu Nitrat
umgewandelt und ist nicht mehr nachweisbar. Wenn das der Fall ist, ist
der erste Schritt in der Einlaufphase des Aquariums abgeschlossen und
es können Tiere eingesetzt werden. Einem Aquarium sollte vor dem
Einsetzen von Tieren schon regelmäßig etwas Futter
zugeführt werden. Sonst können sich die Bakterien nicht
vermehren.
Nun sind diese zwei Bakterien nicht allein. Es gibt sehr viele
verschiedene Bakterien aus den Gattungen Nitrosomonas, Nitrosospira, Nitrosovibrio, Nitrosolobus und Nitrosococcus, die Ammonium nutzen
können und einige Arten von Nitrobacter,
Nitrospira, Nitrospina und Nitrococcus, die Nitrit umwandeln.
Alle benötigen Sauerstoff und nutzen Kohlendioxid oder Karbonat
als Kohlenstoffquelle. Sie sind chemisch autotroph. Ihr Lebensoptimum
liegt bei pH-Wert 6-8 und 25-35°C. In geringem Maße
findet aber auch bei 0°C noch Nitrifikation statt.
Im Boden und im Filter gibt es aber vor allem heterotrophe
Nitrifizierer. Sie nutzen Energie und Kohlenstoff aus organischem
Material und gewinnen keine Energie aus der Umwandlung des Stickstoffs.
Unter ihnen sind verschiedene Pilze und Bakterien. Im Aquarium leben
sie an verschiedenen Stellen im Substrat, auf Pflanzen und im Filter
verschiedene Arten von nitrifizierenden Bakterien. Je nach
Nahrungsangebot vermehren sich mal die Einen und mal die Anderen
stärker.
Nitrifizierer
sind aber nicht die einzigen Mikroorganismen im Aquarium. Es gibt auch
andere Bakterien, Pilze und Hefen, Würmer und Amöben, die
organisches Material als Nahrung nutzen und anderen Organismen als
Nahrung dienen. Auf Futteresten vermehren sich schnell
Fäulnisbakterien wie das Schwefelwasserstoff bildende
Schwarmbakterium Proteus vulgaris.
Es bildet einen weißen Schleimfilm aus Bakterienketten. Das lockt
Bakterienfresser wie Pantoffeltierchen, Wimperntiere und Würmer
an. An anderen Stellen zerlegen Borstenwürmer Pflanzenteile in
feiner Partikel. Flagellaten und Rädertierchen suchen dazwischen
nach Nahrung. Der Mulm im Aquarium ist ein ganzes Ökosystem.
In den ersten
drei bis sechs Monaten stellt sich im Aquarium eine typisches
Gleichewicht mit spezifischen Abbauketten und Lebensgemeinschaften in
verschiedenen Mikrohabitaten ein. Danach läuft das System stabil,
sofern keine gravierenden Änderungen vorgenommen werden. Eine
solche Veränderung wäre zum Beispiel das entfernen eines
großen Echindorus oder einer Cryptocoryne, die ihre Wurzeln weit
im Substrat ausgebreitet haben. Im Substrat fehlen dann den
Mikroorganismen der von den Wurzeln abgebenen Sauerstoff und die
organischen Verbindungen, die von der Wurzel abgegeben wurden. Es komt
zu einer Verschiebung in der Zusammensetzung der Abbauketten. Eventuell
machen sich Arten breit, die mit wenig Sauerstoff auskommen und
Fäulnis kann auftreten.
Weniger gravierend ist dagegen das regelmäßige Schneiden und
neu Stecken von Stängelpflanzen am selben Ort. An diesen Stellen
siedeln sich andere Organismen an, die damit zurecht kommen. Eine
jährliche "Grundreinigung" bei der das Aquarium ausgeräumt
wird, kommt einer Neueinrichtung gleich. Selbst wenn das Filtermateral
unberührt bleibt, müssen sich doch im Substrat die
Lebensgemeinschaften neu zusammen finden.
In den einzelen Bereichen des Aquariums finden wir verschiedene
Organismen, die das jeweilige Nahrungsangbot nutzen.
Borstenwürmer
Borstenwürmer sind
Verwandte des Regenwurms. Sie fressen abgestorbenes Material, Algen
oder Einzeller. Charakteristisch sind die in Segmente unterteilten
Körper und die steifen Borsten, die bei der Fortbewegung helfen.
Die Tiere sind verhältnismäßig groß und mit
blossem Auge als feine, weiße Fäden sichtbar.
Im Aquarium tritt oft die Teichschlange Stylaria laustris auf. Die feinen
weißen Würmchen sitzen oft an den Aquarienscheiben und sind
darum recht auffällig. Typisch ist ein langer beweglicher
Tastrüssel. Im Mulm sind zum Beispiel der
Öltröpfchenwurm Aeolosoma
variegatus und die Wassernymphe Nais elinguis zu finden.
Die Würmer sind nicht gefährlich für Fische oder
Wirbellose, lösen aber bei ihrer Entdekcung schnell Panik beim
Aquarienbesitzer aus. Die Würmchen bewegen sich fort in dem sie
ihre Form verändern und hin- und her winden, während sich
Planarien gleitend fortbewegen.
Borstenwürmer sind
nur als haarfeine, weiße
Fäden
sichtbar. Strukturen sind mit bloßem Auge nicht erkennbar.
Der
Öltröpfchenwurm frisst Mulm. Er beißt
Stücke aus den Mulmflocken und verschlingt sie.
Der
Öltröpchenwurm Aeolosoma
variegatum
frisst Mulm. Im Aquarium lebt er meist im Substrat.
Selten ist er an der Scheibe zu sehen.
Borstenwürmer aus der Gattung Chaetogaster
sind Räuber. Sie fressen Rädertiere und
Wasserflöhe. Chaetogaster
lymnaei sitzt an den Fühlern von Schlamm- und
Posthornschnecken. Vermutlich saugt diese Art zumindest teilweise
Körperflüssigkeiten aus der Schnecke.
Nematoden
Von Aquarianern werden sowohl Planarien als auch
Borstenwürmer oft für Nematoden gehalten. Die Tiere bekommt
man aber kaum mit dem bloßen Auge zu sehen. Sie sind transparent,
leben an dunklen Stellen und die meisten sind nicht größer
als 1 bis 2 mm. In Aquarienfiltern kommt oft der "Lanzenwurm" Dorylaimus stagnalis vor. Diese
Tiere sind bis 5,5 mm lang und völlig harmlos. Sie saugen
Algenzellen aus. Auch in Algenmatten findet man manchmal Nematoden,
wenn
man ein Mikroskop bemüht.
Die Bestimmung von
Nematoden ist für den Laien unmöglich.
Es gibt etwa
100.000 verschiedene Nematodenarten. Viele leben parasitisch
an Tieren und Pflanzen. Die Unterscheidung der
Arten ist schwierig. Die frei lebenden Arten
im Aquarium fressen vermutlich vor allem Algen. Der
Lanzenwurm (Dorylaimus stagnalis)
kommt vielfach in
Aquarienfiltern vor und saugt Algenzellen aus. Er ist 2,5 bis 5,5 mm
lang.
Planarien
Sie leben bekanntlich ebenfalls im Substrat zumindets
verstecken
sie sich dort. In den Mulmproben, habe ich allerdings nie welche
gefunden. Das liegt wohl daran, dass die bekannten Aquarienplanarien
sehr groß sind und bei der Probenahme durch eine Einwegspritze
einfach nicht mit eingesaugt werden können. Aber auch kleinere
Planarienarten habe ich nicht gefunden. Einige Planarienbilder und ein
kleines Video sind hier
zu finden.
Wimperntiere
Wimperntiere leben im Süßwasser, Meer und
auch im
Feuchtigkeitsfilm auf Moosen. Sie fressen Bakterien, Flagellaten, Algen
und Rädertiere. Es gibt sehr kleine und sehr große Arten.
Sie können wurmförmig sein oder rundlich oder oval, wie das
bekannte Pantoffeltier. Sie werden in verschiedene Klassen unterteilt.
Zu den Holotricha gehören zum Beispiel die Pantoffeltiere. Aber
auch die gestielten und festsitzenden Glockentiere (Peritricha)
gehören dazu. Wimperntiere werden gerne als Fischfutter für
sehr kleine Jungfische in Aufgüssen aus Heu oder Blättern
angzogen. Sie vermehren sich zum Beispiel gut auf
Seemandelbaumblättern.
Rädertiere
Rädertiere (Rotatoria) gehören zu den
Schlauchwürmern. Sie sind sehr unterschiedlich gestaltet. Einige
haben einen panzer und sind recht steif, andere bewegen sich wie
Würmer. Sie sind alle in Kopf, Körper und Fußabschnitt
untergliedert und maximal 3 mm lang. Rädertiere werden als
Jungfischfutter in Ansätzen mit Ei oder auf speziellen Granulaten
angezogen. Sie sind für Fische und andere Tiere im Aquarium
ungefährlich.
Dieser Borstenwurm und
die Pantoffeltiere nehmen ihre Nahrung durch Strudeln
auf. Sie fressen Bakterien und Algen.
Rädertiere
gehören zu den Schlauchwürmern
(Aschelminthes). Sie haben nahe der
Mundöffnung Wimpern mit denen sie Nahrung
sammeln. Sie können sehr
unterschiedlich gebaut sein.
Rotaria
haben einen
elastischen Körper und kriechen wie Egel herum,
während sie nach Futter suchen.
Panzerrädertiere
wie Lecane
sp.
(links) heften sich mit dem Fuß
an und schwingen bei der Nahrungssuche um diesen
Fixpunkt herum.
Spirostomum
ambiguum ist
ein 1 - 4,5 mm langes Wimperntier. Im
Gegensatz zu Strudelwürmern kann es sich
vorwärts und rückwärts bewegen. Dieses Wimperntier tritt
in belasteten Gewässern mit der
Gewässergüteklasse 2 bis 3 oft in Massen auf. Die
Sauerstoffversorgungsgrad liegt in seinem Lebensraum bei 4 - 6 mg O2 pro Liter.
Die Wimprntiere bewegen
sich zügig vor und zurück und drehen sich dabei um
die eigene Achse.
Die Arten aus der
Gattung Paramecium fressen Bakterien,
Flagellaten und Algen. Dieses hier frisst
gerade die stäbchenförmigen Bakterien an faulendem
Flockenfutter.
Pantoffeltiere findet
man in Mulm wenig, da sie sich vor allem im freien
Wasser aufhalten.
Dieses hier stammt
aus einem Ansatz mit
Bananenblättern.
Auch an Seemandelbaumblättern bilden sich viele
Pantoffeltierchen.
Flagellaten sind
begeißelte Mikroorganismen.
Dazu gehören Augen- und Dinoflagellaten aber auch
gegeißelte Formen von Grünalgen.
Entfernen oder nicht?
Es wird oft propagiert, dass
der Mulm regelmäßig möglichst vollständig entfernt
werden sollte. Einige Annahmen zu dem Thema möchte ich hier kurz
diskutieren.
Annahme 1: Mulm bindet
Nährstoffe, die den Pflanzen dann fehlen
Mikrooranismen im Mulm binden die Nährstoffe aus den
organischen Materialien zu etwa 40 % in ihre eigene Masse und die
stehen dann den Pflanzen sowieso nicht zur Verfügung. Das stimmt
nur während Einlaufphase des Aquariums. Später sterben so
viele Mikroorganismen wie neue "geboren" werden und die in der
Bodenfauna gebundene Menge an Nährstoffen nimmt nicht unbegrenzt
zu. Es stellt sich ein Gleichgewicht zwischen Futter und
"Mäulern" ein, weil jedes Glied der Nahrungskette auf seine
spezielle Nahrung angewiesen ist und die steht immer nur in begrenzten
Maße zur Verfügung. Das Endergebnis des Abbaus sind
Minerlastoffe, die von Pflanzen aufgenommen werden können. Aber
nur dann wenn der Abbauprozess vollständig abgelaufen ist.
Annahme 2: Mulm besteht aus organischen Abfällen, die
das Wasser belasten
Es wird angenommen, dass aus dem Mulm Makronährstoffe
(Nitrat und Phosphat) frei werden. Auch dass ist nicht ganz richtig.
Der Mulm enthält kaum noch Makronährstoffe. Sie werden aus
abgestorbenem Material sehr schnell frei gesetzt, weil Eiweiße,
DNS, Fette und andere Stickstoff- und Phosphathaltige Verbindungen sie
sich im Zellineren befinden und sofort austreten, wenn die Membranen
beim Absterben der Zellen zerfallen. Im Mulm bleiben vor allem die
Zellwände zurück, die überwiegend aus Kohlenstoff
bestehen. Sie dienen heterotrophen Mikroorganismen als
Kohlenstoffquelle.
Annahme 3: Mulm ist eine mögliche Infektionsquelle
Die Vielfalt der Organismen sorgt mit ihren Ausscheidungen
dafür, dass sich keine bestimmten Organismen
übermäßig vermehren können. Krankheitserreger und
Algen haen es schwerer, weil mit hoher Wahrscheinlichkeit jemand
anderes da ist, der ihre Nische einengt oder sie als Nahrung nutzt.
Außerdem siedeln Mikroorganismen lieber im Mulm, als dass sie im
freien Wasser schwimmen. Die Keimzahl im Wasser sinkt.
Das Mulm an sich nicht schädlich, sondern
für das
Gleichgewicht im Aquarium wichtig ist, ist lange bekannt. Darum wird
auch empfohlen Mulm aus alten Aquarien zum Animpfen in neue Becken zu
übertragen. Im Normalfall ist der Bodengrund mit Pflanzenwurzeln
durchzogen, die ihn mit Sauerstoff versorgen. In der Rhizosphäre
siedeln sich die Mikroorganismen an und leben in Gemeinschaft mit den
Pflanzen. An wenig durchströmten Stellen oder bei einer
Verdichtung des Substrat kann aber Sauerstoffmangel auftreten. Andere
Mikroorganismen siedeln sich an und produzieren teilweise Stoffe, die
für Pflanzen und Tiere schädlich sein können. Dann muss
die organische Substanz entfernt werden. Allerdings muss das Problem
für den Sauerstoffmangel auch beseitigt werden, damit die
Pflanzenwurzeln nicht absterben. Der Mulm selbst ist meist nicht das
Problem, sondern der Faulschlamm, zu dem er unter ungünstigen
Bedingungen werden kann.